Vegetarismus für Allesfresser?

Auch frommes, gut gemeintes Denken und halb wissenschaftliche Erklärungsversuche können nicht die Tatsache ändern, dass wir seit Millionen von Jahren Allesfresser sind, genau wie unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Dennoch muss es einen ethisch vertretbaren Weg für die Fleisch-Beschaffung geben.

Ein Wesen wie Du und ich, mit Augen, Ohren und einer Nase. Das fühlen kann, atmet, Angst und Schmerz empfindet und so zutraulich sein kann. So etwas umbringen und essen? Nein! Ich beschloss also (es war etwa 1993) „Vegetarier“ zu werden.

Ich aß also fortan kein Fleisch mehr, es geht ja auch mit Eiern und Käse.
Ich war daraufhin etwa 2 1/2 Jahre lang Ovo/Lakto-Vegetarier, bevor ich erkannt habe, dass das keinen rechten Sinn macht aus den folgenden Gründen:
1. Hühner legen etwa 2 Jahre lang (maximal), werden aber ohne weiteres über 20 Jahre alt. Wohin also mit dem Huhn, nach seinen ersten beiden Lebensjahren.
2. Kühe geben nur Milch, wenn sie regelmäßig Kalben. Wohin aber mit den ganzen Kälbern, zumindest den jungen Stieren? Und wohin mit der Kuh nach deren Klimakterium?

Auch Milch und Eier „töten“!

Es versteht also von selbst, dass auch der Verzehr von Milch und Eiern das Töten von Tieren zur Folge haben muss, es sei denn, man akzeptiert dutzende „pensionierte“ Hühner neben unzähligen „untätigen“ Rindern.
Die Umwelt-Belastung durch die Landwirtschaft wäre in diesem Fall um ein vielfaches höher als sie es jetzt schon ist. Die Frage ist zudem, ob es überhaupt Platz und Futter für so viele Tiere gäbe. Ich musste also Veganer werden! Wenn ich meine Lebensqualität zu Ovo-Lakto-Vegetarier-Zeiten noch erträglich eingeschränkt sah (obwohl mir oft das Wasser im Munde zusammen lief, wenn jemand in meiner Gegenwart ein Steak oder Schnitzel aß), begann nun langsam der Spaß für mich aufzuhören. Während mein Appetit zunahm, ging mein Denken weiter. Wenn man sich auf eine bestimmte Sache konzentriert, in diesem Fall die fleischlose Ernährung, beginnt man automatisch, Dinge wahrzunehmen, die in Bezug zu dieser Sache stehen.

Weitere Überlegungen für Vegetarier

Ich stellte die folgenden Überlegungen an:
1. Der Mensch ist seit Urzeiten ALLESfresser. Schon unsere Vorfahren ernährten sich auch von Fleisch, je nach Kultur und Lebensweise sogar überwiegend von Fleisch. Auch unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, fressen neben der Pflanzenkost nicht nur Insekten und Würmer, sondern auch Säugetiere, ja sogar andere Affen. Ein Mensch, der kein Fleisch isst, ernährt sich also nicht artgerecht, wir haben einfach nicht das Verdauungssystem eines reinen Pflanzenfressers, sondern eben – wie gesagt – das eines ALLESfressers. Und wir sind doch für artgerechte Haltung, oder?
Oder würden wir von Löwen und Tigern verlangen Gras zu fressen, damit kein anderes Tier zu Schaden kommt? Oder füttern unsere „vegetarischen“ Mitmenschen etwa ihre Hunde und Katzen mit Spinat, um die 4-beinigen Freunde konsequent in die eigene Ernährungsweise zu integrieren?
Wir dürfen schließlich eines nicht vergessen:
2. Pflanzen sind auch Lebewesen! Wie können wir ein Tier oder uns selbst über die Pflanze stellen, bloß weil sie nicht so ist, wie wir? Wer weiß oder kann ahnen, was eine Spinatpflanze empfindet, wenn sie ausgerissen, zerschnitten und gekocht oder eingefroren wird? Was ist mit den Millionen von Bakterien und Hefe-Pilzen in unserer Nahrung, die wir beim Essen, backen oder kochen abtöten?
Den Hausstaub-Milben, die wir beim Waschen unseres Körpers oder unserer Kleidung töten oder ihnen die Lebensgrundlage entziehen?

Wir haben unsere Herkunft und unser Wesen verdrängt

Die Tatsache, dass wir derartige Gedankengänge anstrengen ist gut und wichtig, entspringt aber vor allem der Tatsache, dass bei uns das Schnitzel von Kindesbeinen ein Schnitzel ist und kein Stück vom Schwein, einem Lebewesen.
Ein Mensch, der von Kindheit an gelernt hat, sein Fleisch selbst zu jagen oder zu schlachten, kommt gar nicht auf die Idee, dass daran etwas falsch sein könnte. Er hat den direkten Bezug vom Tier über das Töten zum Essen, den wir verloren haben. Wir kaufen das Schnitzel oder eine Wurst so wie wir einen Apfel oder einen Schoko-Riegel kaufen. Wenn wir dann Bilder sehen oder nachdenken und uns die Entstehungsgeschichte des Schnitzel bewusst machen, kommen wir in Konflikt mit unserem Heile-Welt-Denken. Aber nur weil wir eine Komponente unseres Wesens verdrängt haben, bedeutet dass nicht, dass diese Komponente nicht mehr vorhanden ist. Wir sind eben – wie gesagt – keine Pflanzen-, sondern Allesfresser.

Die Alternative

Bedeutet das nun aber, dass wir unser Gehirn und unser Gewissen abschalten und alles bedenkenlos in uns hinein fressen sollen? Bestimmt nicht, denn wenn man sich bewusst macht, dass eine Wurst oder ein Schnitzel Teile eines getöteten Tieres sind, kann man daraus ethische Konsequenzen herleiten:
1. Wenn das Tier getötet wird, um mich mit Nahrung zu versorgen, dann muss ich dafür Sorge tragen, dass es
a. ein gutes, artgerechtes Leben hat,
b. schnell, stress- und schmerzlos stirbt,
c. restlos als Nahrungsmittel verwertet wird, damit sein Tod nicht umsonst war.
Insbesondere der letzte Punkt c wird leider immer wieder verletzt: Das Tier wird als Ware betrachtet und auf den Markt geworfen, was nicht gekauft wird, wird weggeschmissen. In Restaurants mit Einheits-Portionen (die Oma bekommt die gleiche Portion wie der Jüngling) werden tonnenweise Essensreste weggeschmissen, ebenso wie in dekadenten Urlaubs-Clubs, wo auch der letzte Gast noch das komplette Buffet-Angebot vorfinden muss und die Angestellten angewiesen sind, alle Reste der Mülltonne zu übergeben, statt Bedürftigen oder der eigenen Gefrier-Truhe. Das ist pervers, das ist moralisch verwerflich und das ist Sünde, wenn man hier den religiösen Terminus gebrauchen möchte.
Der verantwortlich Denkende „Allesfresser“ muss also bemüht sein, Mittel und Wege zu finden, um die o.g. Forderungen für sich in die Tat umzusetzen. Lösungs-Ansätze: Selbst Tiere gut halten und schnell, stress- und schmerzfrei schlachten oder gezielt von einem Biobauern ganze Tiere kaufen, portioniert einfrieren und komplett verwerten.
Der Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauern und Viehzüchter ist eine wesentliche kulturelle Errungenschaft des Menschen. Ich persönlich möchte die Zuchttier-Artenvielfalt nicht missen: Scharrende Hühner auf dem Misthaufen, Enten, Gänse, Puten, kräftige Rinder auf saftigen Weiden. Was wäre eine Almwiese ohne grasende Kühe und das Läuten von Kuhglocken?
All das gäbe es nicht oder nicht mehr, wenn wir alle Veganer würden. Die Nutzung von Land, das als Ackerland ungeeignet ist, aber gutes Weideland ist, wird erst durch Pflanzen fressende Haustiere möglich. Viele Landschaften sind erst dadurch für den Menschen bewohnbar geworden, ich denke an die Inuit, die Lappen oder die Mongolen.

Fazit: Mit Kontrolle

Ich halte es also für legitim und natürlich, in Maßen Fleisch zu essen, wenn die vorgenannten Punkte beachtet werden.
Veganer haben meine höchsten Respekt, weil sie das, was andere bedenken- und kritiklos machen, überdenken und zugunsten einer besseren Welt unter eigenen Opfern anders machen. Gäbe es mehr solcher Menschen, wäre unsere Welt um ein vielfaches besser. Befremdlich finde ich es aber, wenn mangels logischer Denkfähigkeit oder Information Halbwahrheiten gelebt werden, die das eigene Handeln ad Absurdum führen und der Lächerlichkeit Preis geben:
Ovo/Lakto-Vegetarier, die aus ethischen Gründen kein Fleisch essen, dieses ethische Ziel aber aus vorgenannten Gründen eindeutig verfehlen.
– Ethisch motiviere Veganer, die fleisch fressende Haustiere wie Hunde oder Katzen halten, Leder-Kleidung oder andere Produkte aus getöteten Tieren verwerten und somit dennoch zum Töten von Tieren beitragen.
– Menschen, die Fisch essen, sich aber dennoch als Vegetarier bezeichnen.

Für solche Fälle fehlen mir einfach die Worte!

VÖ-Datum Artikel:30.11.2013, 11:03